Stephanus Pulvinus
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Libertäres, Libertär-theologisches und ganz anderes ... Denn ohne Sarkasmus ist Zynismus gar nichts - Ironie off. #SharingIsCaring
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Nicht damit am Ende jeder ein bisschen recht behält, sondern damit wir gemeinsam unterscheiden lernen, was wahr ist, was wir empfangen haben und wo unsere jeweilige Partikularität den Blick darauf verstellt.
Das ist Bekenntnisökumene.
| 2 | Dafür gibt es eine ziemlich unangenehme Probe: Kann ich wünschen, dass mein Gegner recht hat, falls die Wirklichkeit ihm recht gibt?
Kann ich also mitten im Streit entdecken, dass der Katholik, Protestant, Liberale, Traditionalist oder Evangelikale mir gerade etwas Wahres sagt, und mich darüber freuen, weil Wahrheit wichtiger ist als mein Sieg? Kann ich einen eigenen Irrtum eingestehen, ohne das Gefühl zu bekommen, meiner Mannschaft einen Punkt weggenommen zu haben?
Wenn ich das nicht mehr kann, suchen wir vielleicht längst nicht mehr gemeinsam nach Wahrheit. Dann verteidigen wir Identitäten.
Genau deshalb bedeutet Bekenntnisökumene nicht weniger Wahrheitsstreit, sondern einen radikaleren. Sie nimmt uns nämlich das bequemste Argument weg: den Gegner. Rom lässt sich nicht aus den Fehlern Wittenbergs beweisen und Wittenberg nicht aus den Fehlern Roms. Bekenntnistreue wird nicht dadurch wahr, dass ein Liberaler irrt, und eine notwendige Reform wird nicht dadurch wahr, dass ein Traditionalist sich verrennt. Jede Seite muss zurück an den vorausliegenden Gegenstand und sich von ihm befragen lassen: Was hat Christus seiner Kirche gegeben? Was bezeugt die Schrift? Was bekennt die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche? Und wo entspricht meine eigene kirchliche Wirklichkeit diesem Gegenstand – und wo nicht?
Und vielleicht darf man sich an dieser Stelle ein einziges, historisch selbstverständlich unbeweisbares Bild erlauben. Luther steht noch einmal vor der Wittenberger Kirchentür. Aber diesmal sieht er nicht nur den Ablasshandel seiner Gegenwart. Er sieht zugleich fünfhundert Jahre Kirchengeschichte vor sich: die Verhärtungen, die gegenseitigen Verwerfungen, die immer neuen Spaltungen und schließlich jene christlichen Kommentarspalten, in denen jeder dem anderen beweist, weshalb gerade dessen Irrtum die eigene Rechtgläubigkeit bestätigt.
Vielleicht würde Luther dann lange auf seine Thesen schauen. Vielleicht würde ihm der Gedanke kommen, dass notwendiger Widerspruch etwas anderes ist als eine Identität, die vom Widerspruch lebt. Und vielleicht nähme er schließlich seine Thesen wieder von der Kirchentür, rollte sie sorgfältig zusammen, klemmte sie unter den Arm und ginge nach Hause.
Ob Luther das tatsächlich getan hätte, wissen wir nicht. Das Bild behauptet es auch nicht. Aber seine Frage bleibt: Was geschieht, wenn aus notwendigem Widerspruch irgendwann eine Identität aus Widerspruch geworden ist?
Vielleicht sollten wir deshalb Wilhelm Buschs Frage noch einmal stellen, bevor der nächste Kommentar geschrieben wird: Was würde Jesus dazu sagen?
Dann müsste niemand seinen Splitter verstecken und niemand seinen Wahrheitsanspruch aufgeben. Aber wir könnten aufhören, den Splitter im Auge des Bruders wie eine Trophäe herumzutragen, weil er angeblich beweist, dass in unserem eigenen Auge kein Balken steckt. Und vielleicht müssten wir sogar entdecken, dass der Mensch auf der anderen Seite unserer konfessionellen Barrikade nicht dazu da ist, unsere eigene Rechtgläubigkeit zu bestätigen, sondern mit uns unter demselben Herrn und unter derselben Wahrheit steht.
Denn wir müssen die Una sancta nicht erst herstellen. Wir bekennen bereits, dass die Kirche eine ist. Umso merkwürdiger ist es, wenn wir anschließend ihre Gebrochenheit benötigen, um uns selbst für das Ganze zu halten.
Vielleicht besteht unser ökumenisches Problem deshalb gar nicht zuerst darin, dass wir noch nicht eins geworden sind. Vielleicht besteht es darin, dass wir sonntags bekennen, dass die Kirche eine ist, und montags wieder so miteinander umgehen, als müsste der Irrtum des Bruders beweisen, dass wir selbst sie sind.
Dann sollten wir uns fragen, wozu wir die anderen eigentlich brauchen. Nicht als Gegenbild, an dem wir unsere eigene Rechtgläubigkeit ablesen können, sondern als Brüder und Schwestern, die mit uns unter derselben vorausliegenden Wahrheit stehen und sich mit uns von ihr befragen lassen müssen. | 8 |
| 3 | Nur darf ich seinen Irrtum nicht dazu verwenden, meiner eigenen Wahrheit auszuweichen.
Darum werden auch die Weherufe Jesu unangenehm: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler!“ (Matthäus 23,13). Und schließlich: „Ihr Schlangen, ihr Otterngezücht! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?“ (Matthäus 23,33).
Das ist nicht der harmlose Jesus, der niemandem wehtut. Aber gerade deshalb wird es gefährlich, seine Gerichtsworte als Knüppel zu verwenden. Denn in dem Augenblick, in dem ich begeistert feststelle, wie ausgezeichnet „Schlangenbrut“ auf meine kirchenpolitischen Gegner passt, könnte ich bereits vorführen, weshalb Christus diesen Satz überhaupt spricht.
Vielleicht hätte der Prediger Wilhelm Busch an dieser Stelle gar nicht lange herumtheologisiert. Er hatte die unangenehme Begabung, fromme Menschen mit einfachen Fragen um ihre kunstvoll errichteten Ausweichstellungen zu bringen.
Also fragen wir ebenso schlicht:
Was würde Jesus dazu sagen?
Nicht: Was würde Jesus endlich einmal den liberalen Katholiken sagen? Nicht: Was würde er den Sedisvakantisten vorhalten? Was würde er mit den Evangelikalen machen, den Lutheranern, den Reformierten, den Traditionalisten, den Modernisten?
Was würde er zu uns sagen, wenn er unseren Kommentarverlauf mitgelesen hätte?
Vielleicht würde er gar nicht zuerst unsere Argumente sortieren. Vielleicht würde er uns fragen, warum wir den Irrtum unseres Bruders so dringend benötigen.
Denn genau hier wird die Sache theologisch noch ernster. Dieselben Christen, die einander am Montag mit bemerkenswerter Energie erklären, weshalb die jeweils anderen eigentlich kaum noch als Kirche gelten können, stehen am Sonntag nebeneinander und sprechen das Nicänum:
„Wir glauben … die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.“
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.
Wir bekennen nicht unsere Konfession. Wir bekennen die Una sancta.
Das „eine“ bezeichnet nicht einen organisatorischen Dachverband mehrerer voneinander unabhängiger Kirchen, die zusammen irgendwann das kirchliche Ganze ergeben könnten. Die Kirche Christi wird auch nicht dadurch eine, dass wir eines Tages erfolgreich genügend ökumenische Gespräche geführt haben. Wir bekennen eine Wirklichkeit, die unseren konfessionellen Gestalten vorausliegt: die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.
Unsere Konfessionen dagegen sind geschichtliche Partikularitäten innerhalb einer gebrochenen christlichen Wirklichkeit. In ihnen können apostolisches Zeugnis, Sakrament, Amt, Bekenntnis und große Schätze kirchlicher Überlieferung bewahrt sein. Und gerade deshalb müssen ihre Unterschiede ernst genommen werden. Aber keine konfessionelle Organisation kann aus der Tatsache, dass sie etwas von der Una sancta treu bewahrt, einfach folgern, ihre geschichtlich gewordene Gestalt sei mit der Una sancta identisch.
Sonst entsteht eine eigentümliche Form christlicher Brüderlichkeit:
„Willst du mein Bruder sein? Dann schlag ich dir erst einmal den Schädel ein. Anschließend können wir gemeinsam das Credo sprechen.“
Das ist ein saumäßig schlechtes Zeugnis für die eine Kirche, die wir gerade bekannt haben.
Und möglicherweise liegt genau hier die tiefste Verkehrung. Das Trennende wird nicht mehr nur beklagt, sondern für die eigene Identität benötigt. Ich weiß dann nicht mehr nur, wer ich bin, weil ich Christus gehöre und unter der Wahrheit seiner Kirche stehe. Ich weiß, wer ich bin, weil ich nicht du bin. Deine Abweichung wird zum notwendigen Gegenbild meiner Rechtgläubigkeit.
Das ist die diabolische Versuchung im eigentlichen Sinne: auseinanderwerfen, was zusammengehört, und anschließend aus der Trennung einen Gewinn ziehen.
Damit ist nicht jeder konfessionelle Gegensatz diabolisch. Das wäre selbst wieder ein billiger Knüppel. Es gibt wirkliche Gegensätze, wirklichen Irrtum und Entscheidungen, bei denen nicht beide Seiten zugleich recht haben können. Diabolisch wird die Sache dort, wo die Trennung selbst funktional notwendig wird, weil ich den anderen in seiner falschen Rolle festhalten muss, damit meine eigene Rolle funktioniert. | 4 |
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Wenn Christen einander brauchen, um recht zu haben
Manchmal frage ich mich, was Jesus wohl zu unserem konfessionellen Umgang miteinander sagen würde.
Nicht zu Augsburg oder Trient, nicht zu den großen Lehrentscheidungen, nicht zu den wirklichen Unterschieden zwischen katholischer, orthodoxer, lutherischer, reformierter oder freikirchlicher Theologie. Über Wahrheit muss gestritten werden können. Wo etwas falsch ist, wird es nicht dadurch richtig, dass man es ökumenisch freundlich formuliert. Die interessantere Frage ist deshalb eine andere: Was würde Jesus wohl dazu sagen, wie wir um diese Wahrheit streiten?
Ein Blick in die sozialen Netzwerke kann dafür ausgesprochen lehrreich sein. Da streiten nicht mehr einfach Katholiken mit Protestanten. Katholiken streiten mit Katholiken, liberale mit traditionalistischen, Sedisvakantisten mit allen übrigen und alle übrigen mit Sedisvakantisten. Bei den Protestanten sieht es kaum friedlicher aus. Liberale evangelische Milieus, in denen die alten Konfessionsgrenzen teilweise kaum noch eine Rolle spielen, stehen bekenntnisgebundenen Christen gegenüber; pseudo-evangelikale Frömmigkeitsformen geraten mit klassischer konfessioneller Theologie aneinander, und innerhalb dieser Gruppen entstehen wiederum neue Grenzen.
Jeder gegen jeden – und im Zweifelsfall ist fast jedes Stilmittel recht.
Manchmal hat man den Eindruck: Wenn neben dem Kommentarspalt noch ein Knüppel läge, würde ihn irgendeiner in die Hand nehmen. Nicht unbedingt, um damit zuzuschlagen. Aber er sähe beim Argumentieren so überzeugend aus.
Das wäre bloß komisch, wenn dahinter nicht ein ernster Mechanismus läge. Denn irgendwann streiten wir nicht mehr darum, ob der andere irrt, sondern wir beginnen, seinen Irrtum zu brauchen.
Solange ich zeigen kann, was bei dir falsch ist, muss ich nicht fragen, was bei mir falsch geworden ist. Deine Verirrung bestätigt meine Rechtgläubigkeit, deine Übertreibung meine Vernunft, dein moralisches Versagen meine Anständigkeit. Und je grotesker ich deine Position darstellen kann, desto weniger muss meine eigene Position aus sich selbst überzeugen.
Der andere wird zum Alibi.
Damit verändert sich unmerklich auch das Gespräch. Ich frage nicht mehr: „Was meinst du eigentlich?“ Ich erkläre dir, was du meinst. Ich untersuche nicht mehr gemeinsam mit dir einen Gegenstand, sondern ordne dich ein. Und wer erst einmal eingeordnet ist, braucht nicht mehr gehört zu werden. Er ist liberal, fundamentalistisch, modernistisch, traditionalistisch, papistisch, protestantisch, reaktionär, woke, evangelikal oder sonst etwas – und mit dem Etikett liegt praktischerweise auch das Urteil schon auf dem Tisch.
Das funktioniert besonders gut, weil beide Seiten einander dabei zuverlässig helfen. Je gröber du mich behandelst, desto leichter fällt es mir, meiner Gruppe zu beweisen, was mit Leuten wie dir nicht stimmt. Je schärfer ich zurückschlage, desto leichter kannst du dasselbe über Leute wie mich beweisen. Nach einigen Runden besitzen schließlich beide Seiten reichlich Beweismaterial dafür, dass sie von Anfang an recht hatten.
Ein erstaunlich stabiles Spiel.
Gefährlich wird es dort, wo ein Ausstieg aus diesem Spiel plötzlich wie Verrat aussieht. Wer dem Gegner zugesteht, an einer bestimmten Stelle recht zu haben, gerät in Verdacht. Wer nachfragt, statt zurückzuschlagen, erscheint schwach. Wer zwischen einer falschen These und einem Menschen unterscheidet, der diese These vertritt, verwischt angeblich die Grenzen. Und wer gar seine eigene Position korrigiert, liefert der Gegenseite Munition.
Also korrigiert man lieber den anderen.
Christus kennt diesen Mechanismus offenbar schon länger als Facebook.
„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Matthäus 7,3)
Man sollte diesen Satz nicht weichspülen. Christus behauptet nicht, der Splitter existiere gar nicht. Er erklärt auch nicht Splitter und Balken zu unterschiedlichen Perspektiven auf dieselbe Wahrheit. Der Irrtum des Bruders darf Irrtum heißen. | 4 |
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AfD als Alibi
Das Diabolische beginnt mit der Trennung: Wahrheit und Wirklichkeit, Anspruch und Tun, Urteil und eigenes Gericht fallen auseinander. Darum nennt Christus die Pharisäer „Schlangenbrut“. Nicht, weil sie das Böse nicht erkennen oder benennen könnten. Ihr Verhängnis liegt tiefer: Sie beanspruchen das Gute und entziehen sich zugleich der Wahrheit, unter der sie selbst stehen. Das Böse des anderen wird zur Rechtfertigung des eigenen Selbst.
Seit Sonntag zeigt sich diese Versuchung wieder mit bemerkenswerter Deutlichkeit. Statt danach zu fragen, warum so viele Bürger AfD gewählt haben, welche politische Wirklichkeit sich darin ausdrückt und was bei Migration, Wirtschaft, innerer Sicherheit oder staatlicher Verwaltung tatsächlich zu verantworten und zu ändern wäre, wird das Wahlergebnis selbst zum Gegenstand moralischer Erregung. Die AfD wird zum Alibi: Solange auf das Böse dort gezeigt werden kann, muss über das eigene Versagen hier nicht gesprochen werden.
Aber Christus lässt diese Flucht nicht zu. Vor seinem Gericht wird niemand dadurch gerecht, dass er auf die Schuld des anderen zeigt. Wer deshalb den politischen Gegner braucht, um der Wahrheit über das eigene Handeln auszuweichen, bekämpft das Böse nicht mehr. Er braucht es zur eigenen Rechtfertigung.
Das ist mehr als Heuchelei.
Es ist die diabolische Verkehrung: Das Böse des anderen wird gebraucht, damit das eigene nicht ans Licht kommt. | 8 |
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| 8 | Man kann von der AfD halten, was man will. Aber hier wird es erfreulich konkret: Ulrich Siegmund sagt nicht nur, was anders werden soll, sondern was er in den ersten 100 Tagen einer Regierung tatsächlich anpacken will.
Zehn Punkte. Keine Nebelwand. Nun kann jeder prüfen, zustimmen oder widersprechen – aber bitte an dem, was er wirklich sagt. | 5 |
| 9 | Man kann von der AfD halten, was man will. Aber hier wird es erfreulich konkret: Ulrich Siegmund sagt nicht nur, was anders werden soll, sondern was er in den ersten 100 Tagen einer Regierung tatsächlich anpacken will.
Zehn Punkte. Keine Nebelwand. Nun kann jeder prüfen, zustimmen oder widersprechen – aber bitte an dem, was er wirklich sagt. | 14 |
| 10 | No text... | 1 |
| 11 | Bevor reflexhaft „Verschwörungstheorie!“ gerufen wird: Der brisante Rechtstext existiert tatsächlich. Art. 2 Abs. 2 EMRK lässt unter engsten Voraussetzungen tödlich endende Gewalt auch bei Aufruhr oder Aufstand zu.
Schachtschneiders Deutung ist diskutierbar. Der Wortlaut ist es nicht. | 14 |
| 12 | Aber gehen Sie nicht hin, damit Ihre religiösen Erwartungen erfüllt werden. Gehen Sie auch nicht hin, um Gott Ihre Anwesenheit vorzuführen.
Gehen Sie, weil Sie sich hineinnehmen lassen dürfen in etwas, das Sie weder erfunden haben noch herstellen können.
Gott spricht.
Christus gibt sich.
Und seine Kirche lebt davon.
#UnaSancta | 16 |
| 13 | Dann kann aus Buße eine freundliche Neuorientierung werden. Man spricht von Neuanfang, Veränderung und davon, Belastendes loszulassen. Nur ist Buße ohne wirkliche Reue über Schuld eine merkwürdige Angelegenheit. Wo nichts mehr schuldig geworden ist, gibt es nichts zu vergeben. Und wo der Mensch lediglich lernen muss, sich selbst besser anzunehmen, braucht er schließlich keinen Erlöser.
Ein guter Coach würde genügen.
Christus aber sagt: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“ (Markus 1,15)
Ähnlich ist es mit dem Herrenmahl. Paulus schreibt den Korinthern den erschütternden Satz: „Wenn ihr nun zusammenkommt, so hält man da nicht das Abendmahl des Herrn.“ (1. Korinther 11,20).
Man höre genau hin: Sie kamen zusammen. Sie aßen. Sie tranken. Und Paulus konnte dennoch sagen: Was ihr da tut, verfehlt das Herrenmahl.
Das sollte uns vorsichtig machen. Denn das Herrenmahl ist weder ein besonders feierlicher Imbiss noch eine pädagogische Illustration dafür, dass wir alle irgendwie zusammengehören. Es gehört in ein Mysterium, das die Kirche nicht erfunden hat und über das sie nicht verfügen kann.
Und hier rächt sich, dass vielerorts seit Jahrzehnten kaum noch ernsthaft katechisiert wird. Natürlich hängt die Wahrheit des Sakraments nicht davon ab, ob ich sie vollständig verstanden habe. Sonst wäre wieder mein Bewusstsein Herr über das Sakrament. Aber eine Kirche, die ihren eigenen Gliedern nicht mehr sagt, was hier geschieht, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann Brot nur noch Brot, Taufe eine hübsche Familienfeier und der Altar ein etwas hinderlicher Tisch im Kirchenraum geworden ist.
Man kann das Mysterium nicht dadurch vernichten, dass man es nicht mehr versteht.
Aber man kann Generationen heranziehen, die gar nicht mehr wissen, dass es eines gibt.
Nun sollte allerdings derjenige, der bis hierher zufrieden genickt und dabei ausschließlich an „die Liberalen“ oder „die Evangelikalen“ gedacht hat, vorsichtig werden.
Denn auch Weihrauch rettet nicht. Auch eine wunderschön gesungene Messe rettet nicht. Auch eine korrekte Liturgie macht aus einem unbußfertigen Herzen kein neues Herz. Man kann vor dem Altar knien, das Credo auswendig können und anschließend seinem Bruder die Vergebung verweigern.
Die Form ist nicht der Heiland.
Aber daraus folgt eben nicht, dass die Form gleichgültig wäre. Das wäre ungefähr so vernünftig, als würde jemand sagen: Weil ein Wegweiser mich nicht selbst ans Ziel trägt, kann ich ihn auch abschrauben.
Und nun können wir endlich unsere Ausgangsfrage beantworten.
Ob Kirchenrennen hilft?
Ja, es kann helfen.
Nicht weil das Rennen verdienstvoll wäre. Nicht weil der Kirchenraum magische Eigenschaften hätte. Und nicht weil der regelmäßige Gottesdienstbesucher Gott irgendwann seine Anwesenheitsliste präsentieren könnte.
Sondern weil er dort hineingenommen werden kann in etwas, das er sich selbst nicht geben kann.
In eine Liturgie, deren Grund älter ist als seine Bedürfnisse und deren Gestalt durch die Geschichte der Kirche hindurch nicht einfach immer wieder neu erfunden, sondern in Rückbindung an ihren Ursprung entfaltet worden ist. Da hört er ein Wort, das er sich nicht selbst sagen kann. Da wird Schuld nicht schöngeredet, sondern vergeben. Da empfängt er, statt zu produzieren. Da begegnet ihm Christus nicht als Spiegel seiner religiösen Bedürfnisse, sondern als Herr.
Und dann geschieht vielleicht das Unbequemste von allem: Dieser Christus lässt ihn nicht dort sitzen.
Denn wer in den Leib Christi hineingenommen wird, entdeckt den anderen. Wer empfängt, wird zum Dienen frei. Wer Vergebung empfängt, kann nicht auf Dauer von der Unversöhnlichkeit leben. Wer am Altar Gemeinschaft mit Christus empfängt, kann vor der Kirchentür nicht so tun, als gingen ihn seine Brüder und Schwestern nichts an.
Darum ist die Heilige Messe auch keine Flucht aus der Welt.
Sie endet mit Sendung.
Ob Kirchenrennen hilft?
Gehen Sie ruhig.
Und wenn der Weihrauch schön duftet, dürfen Sie sich sogar daran freuen. | 15 |
| 14 | Darum ist die Geschichte der Liturgie so wichtig. Die Heilige Messe ist nicht irgendwann von einem besonders begabten Kirchenausschuss erfunden worden. Natürlich hat ihre konkrete Gestalt Geschichte. Gebete sind entstanden, Gesänge hinzugekommen, Sprachen wechselten, Riten entfalteten sich und Ordnungen wurden gefestigt. Unsere heutigen Messbücher sind nicht an Pfingsten fertig vom Himmel gefallen.
Aber der Grund war da.
Christus war da. Sein Wort war da. Sein Mahl war da. Taufe und Gebet waren da. Die apostolische Verkündigung war da. Und an Pfingsten wurde offenbar, dass hier nicht einige religiös interessierte Menschen einen Verein gründeten. Der Heilige Geist sammelte die Kirche.
Seitdem entfaltet sich etwas.
Und Entfaltung ist etwas anderes als Erfindung.
Die Kirche darf immer tiefer zu verstehen suchen, was ihr gegeben worden ist. Sie darf die geschichtlich veränderlichen Formen ordnen, erneuern und in unterschiedliche Sprachen und Kulturen hineintragen. Aber sie kann den Grund nicht nach den jeweiligen Bedürfnissen einer Epoche neu bestimmen. Nicht die Gegenwart interpretiert Christus nach ihrem Geschmack. Von Christus her muss auch die Gegenwart sich interpretieren lassen.
Darum heißt dieses Geschehen Heilige Messe.
„Heilig“ ist sie nicht, weil dort alles besonders feierlich aussieht. Sie ist heilig, weil ihr Grund und ihr eigentlicher Handelnder Gott ist.
Gott spricht. Christus gibt sich. Die Kirche empfängt, antwortet, dankt, bittet, lobt und wird gesendet.
Und der Mensch sitzt dabei nicht wie im Theater und schaut zu. Er wird hineingenommen.
Nun versteht man vielleicht auch, weshalb Weihrauch, Kerzen, Gebärden, Kirchenraum und Kirchenmusik keineswegs bedeutungsloser Zierrat sind, den man entfernen könnte, sobald jemand das Wort „Adiaphora“ entdeckt hat.
Der Mensch hat nämlich nicht nur einen Kopf.
Er hört. Er sieht. Er riecht. Er steht auf und kniet nieder. Er schweigt und singt. Ein Raum kann ihn sammeln, bevor ihm jemand erklärt hat, dass er sich jetzt bitte sammeln möge. Musik kann ihn tragen, bevor er einen theologischen Satz formuliert hat. Und der aufsteigende Weihrauch muss keinen Vortrag darüber halten, was er bedeutet.
Er steigt einfach auf.
Und, nebenbei gesagt: Er duftet auch noch himmlisch.
Gerade deshalb ist aber auch nicht jede Musik, die zufällig in einer Kirche erklingt oder religiöse Wörter verwendet, schon Kirchenmusik. Kirchenmusik erhält ihren Namen nicht von der Postanschrift des Gebäudes. Sie steht im Dienst eines Geschehens, das ihr vorausliegt.
Hier liegt auch das Problem mancher modernen Gottesdienstform. Es besteht nicht darin, dass sie modern ist. Eine Gitarre ist nicht weniger christlich als eine Orgel, und eine Orgel schützt niemanden vor theologischer Torheit. Auch ein Taizé-Gebet ist nicht einfach mit einem Worship-Event gleichzusetzen; es kann durchaus in der Tradition des Stundengebets, der Schriftmeditation und des gemeinsamen Gebets verstanden werden.
Die Frage lautet vielmehr: Wer bestimmt, was hier geschieht?
Wenn Gottesdienst hauptsächlich danach gestaltet wird, welche Wirkung bei den Besuchern entstehen soll, verändert sich die Richtung. Dann wird leicht aus Liturgie eine Veranstaltung, aus Verkündigung Lebenshilfe und aus der versammelten Gemeinde ein Publikum. Im liberalen Gottesdienst geschieht das gern über Verständlichkeit, Zeitgemäßheit und moralische Plausibilität; im pseudo-evangelikalen Worship eher über Erlebnis, Entscheidung und religiösen Affekt.
Beides kann von den besten Absichten getragen sein. Aber gute Absichten beantworten noch nicht die entscheidende Frage.
Denn sobald die erwartete Reaktion des Menschen zum Maßstab wird, kommt nicht mehr der Mensch unter den Anspruch dessen, was ihm vorausliegt. Vielmehr wird das kirchliche Geschehen danach eingerichtet, was er verstehen, akzeptieren oder erleben kann. | 10 |
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OB KIRCHENRENNEN HILFT?
Das ist eine merkwürdige Frage. Vielleicht sogar eine etwas ungehörige. Schließlich sind wir doch froh über jeden Menschen, der überhaupt noch eine Kirchentür von innen sieht. Und nun kommt einer daher und fragt auch noch, ob das eigentlich hilft.
Nun, ich möchte gewiss niemandem das Kirchengehen ausreden. Im Gegenteil! Gehen Sie hin! Aber nehmen Sie eines nicht mit: die heimliche Vorstellung, der liebe Gott müsse doch eigentlich ganz zufrieden mit Ihnen sein, weil Sie gekommen sind.
Denn man kann erstaunlich viel mit Kirche zu tun haben und Christus doch aus dem Wege gehen.
Das ist übrigens keine neue Entdeckung. Die Bibel ist voll von frommen Leuten, die sich ihrer Sache sehr sicher waren. Sie hatten Abraham, Mose, den Tempel, die Opfer, die Gebote und ihre religiöse Ordnung. Und ausgerechnet zu ihnen musste Johannes der Täufer sagen: „Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen könntet: Wir haben Abraham zum Vater.“ (Matthäus 3,9)
Religiöse Zugehörigkeit ist also noch kein Heil.
Das sollten wir uns merken. Denn dieselbe Versuchung begegnet heute in erstaunlich verschiedenen Gewändern. Der eine sagt: „Ich bin doch getauft.“ Der andere: „Ich gehe regelmäßig zur Messe.“ Ein Dritter kann von seiner Bekehrung erzählen und weiß sogar noch das Datum. Ein Vierter steht mit geschlossenen Augen im Worship und ist vollkommen sicher, dass Gott gerade mächtig gegenwärtig sei.
Nun kann an allen vier Dingen etwas sehr Kostbares sein. Aber keines davon ist Christus.
Und hier beginnt das eigentliche Problem. Wir haben uns angewöhnt, sehr viel vom Menschen her zu denken. Wir fragen, was ihn anspricht, was ihn bewegt, was er braucht, was ihn „abholt“, welche Sprache er versteht, welche Musik seine Stimmung trifft und wie Gottesdienst gestaltet werden müsse, damit er gern wiederkommt.
Dagegen wäre zunächst gar nichts einzuwenden. Wer Menschen etwas sagen möchte, sollte so reden, dass sie ihn verstehen.
Nur ist unterwegs etwas Merkwürdiges geschehen. Nicht mehr allein die Sprache wurde dem Menschen verständlich gemacht. Der Inhalt wurde ihm angenehm gemacht.
Darin liegt ein verhängnisvolles Erbe weiter Teile liberaler Theologie. Wo der Mensch mit seinem Bewusstsein, seiner Erfahrung, seiner Vernunft und seinen gegenwärtigen Plausibilitäten zum Maßstab wird, geschieht beinahe zwangsläufig etwas: Was diesem Horizont vorausliegt, muss in ihn zurückübersetzt werden.
Dann wird Auferstehung zur Hoffnung, Sünde zur Selbstentfremdung, Erlösung zur Annahme, Buße zur Neuorientierung und das Sakrament zum Zeichen unserer Gemeinschaft. Man kann das alles sehr gelehrt erklären. Nur sollte man irgendwann die kleine, unverschämte Frage stellen:
Und Christus?
Nicht der Christus unserer Vorstellungen. Nicht „Jesus“ als Chiffre für Menschlichkeit, Gemeinschaft, Annahme oder gelingendes Leben. Ich meine den Christus, der sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ (Johannes 11,25), den Christus, der Sünden vergibt und der beim Mahl Brot nimmt und sagt: „Das ist mein Leib.“ (Matthäus 26,26).
Diesen Christus können wir nicht aus unserer religiösen Erfahrung hervorbringen.
Hier muss man eine Ordnung unterscheiden, die leicht durcheinandergerät. Ontologisch zugrunde liegt die Wahrheit. Sie wird von uns weder erzeugt noch beschlossen. Diese Wahrheit begegnet und bezeugt sich geschichtlich unter den Bedingungen von Zeit, Sprache, Kultur und menschlichem Leben. Daraus entstehen unsere kirchlichen Wirklichkeiten. Und diese Wirklichkeiten sind keineswegs automatisch vollkommen kongruent mit ihrem Ursprung.
Man kann nämlich abbiegen.
Man kann etwas weglassen, weil man es nicht mehr versteht. Man kann etwas umdeuten, weil es dem heutigen Menschen schwer zu vermitteln ist. Und man kann schließlich sagen: „Das muss man heute eben anders sehen.“
Vielleicht haben wir tatsächlich etwas tiefer verstanden. Das kommt vor. Vielleicht haben wir aber auch nur aufgehört, uns von dem korrigieren zu lassen, was uns vorausliegt. | 10 |
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| 17 | https://youtu.be/xPw42IfvQyU?is=FeUax9yl05rBWz_b | 15 |
| 18 | „Im Gespräch mit Ben Berndt zeigte sich Netschajew angesichts der jüngsten Entwicklungen sehr besorgt. „Wir brauchen Freundschaft mit Russland, gute Beziehungen mit Russland, Vertrauen mit Russland. Das brachte dem deutschen Volke immer positive Ergebnisse und positive Entwicklungen. Schlechte Beziehungen brachten unseren beiden Völkern Katastrophen und Tragödien. Schluss damit.“
https://ostdeutscheallgemeine.com/article/wir-wollen-keinen-krieg-mit-deutschland-russlands-botschafter-bei-ungeskriptet-mit-ben-berndt-10357093 | 27 |
| 19 | No text... | 25 |
| 20 | https://youtu.be/i6AJZdaeEkI?is=xU42_gFoQICWB1XO | 19 |
