Vegan.
Kaum ein Wort, das mehr Emotionen hervorruft. Es steht dafür, Tieren kein Leid anzutun. Also ein gewaltloses, friedliches Wort.
Warum erzeugt es aber bei so vielen genau das Gegenteil. Abwehr, Aggression, Schadenfreude, Hass.
Vielleicht komme ich durch meine eigene Geschichte dahinter?
Kaum jemand aus meiner oder der nachfolgenden Generation ist Vegan aufgewachsen oder hat sich überhaupt einmal in seiner Jugend mit seiner Ernährung auseinandergesetzt.
“Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!”
Was auf dem Tisch lag, waren fast immer tote Tiere. Wenn es einmal Obstknödel waren, galt das ja schon nicht mehr als richtige Hauptspeise, sondern wurde als Nachspeise bezeichnet.
“Gibt's nix gscheits?”
So wuchs man auf und alles war gut.
War es das? War alles gut?
Schon als kleines Kind liebte ich Tiere. Nicht ein bestimmtes Tier oder eine einzelne Gattung, nein. Es waren alle Tiere. Jeder hat als Kind Bücher. Bilderbücher oder Kinderbücher, die fast immer von Tieren handeln. Glücklichen Tieren, die mit einem spielen, sich im Gras rollen, im Schlamm wälzen oder im Haus tollen. So wollen Kinder Tiere sehen. Glücklich. Doch leider sind diese Bücher fern der Realität und irgendwann begreift es auch das Kind. Wir wollen Tiere glücklich sehen, doch das sind sie nicht. Hatte es Glück, auf meinem Teller zu enden?
Das Kind begreift eines Tages, dass Tiere getötet werden, um ihm als Nahrung zu dienen. Alternativen gibt es keine, denn in beinahe jedem Produkt im Kühlschrank steckt etwas von einem Tier. So beginnt man zu verdrängen, auszublenden und sich Ausreden zurechtzulegen, um dieses Verhalten zu rechtfertigen. Man verinnerlicht diese Ausreden, die das Gewissen beruhigen so sehr, dass sie für einen dann zur Normalität und für die Wahrheit gehalten werden. So verdrängt man die Ethik und macht weiter.
Was macht das wohl mit uns persönlich und als Gesellschaft?
Ich glaube sehr viel.
Denn beginnt man diese Programmierung zu entschlüsseln und sieht sich das Leid an, welches ich durch mein Verhalten verursacht habe, ist es wie ein Trauma, das sich auflöst. Wer sich diesem Trauma stellt, wird natürlich mit seinem jahrelangen Fehlverhalten konfrontiert. Das ist es wohl, das den ersten und größten Widerstand hervorruft.
Ist diese Hürde überwunden, wird es immer mehr zu einer Befreiung für einen. Dieses Gefühl, endlich diese Fessel abgestreift und hinter sich gelassen zu haben, ist es, die einen fast euphorisch werden lässt und man möchte diese Euphorie mit anderen teilen. Doch anstatt Zuspruch erntet man Abwehr und Zorn. Doch man gibt nicht auf und versucht es immer weiter. Je länger man es versucht, desto verbissener wird man. Gleichzeitig baut sich die Abwehr und der Zorn des anderen immer weiter auf. Man versteht die Welt nicht mehr und wird selbst zornig. So verhärten sich die Fronten und das ist das Problem.
Wer sich noch nicht mit diesem Thema (Trauma) auseinandergesetzt hat und in einem Gespräch damit konfrontiert wird, baut automatisch eine Abwehr auf, weil da plötzlich jemand sein Kindheitstrauma raus kramt, obwohl er das nicht will und noch nicht bereit dazu ist.
Wenn man diesen dann noch weiter bedrängt, wird die Mauer immer dicker und höher. Es ist wohl wie bei allem.
Ein kleiner Schubs in die richtige Richtung und der Rest muss von alleine kommen. Doch auch dieser Rest kommt erst, wenn die Bereitschaft dazu da ist, sich seinen vergrabenen Erinnerungen zu stellen und vielleicht auch andere aus dieser Zeit wieder hochkommen zu lassen.
Ich kann von mir sagen, dass es eine Befreiung war und mich darin stärkte, gesellschaftlichen Zwängen nicht mehr nachzugeben.
LG Bernd