BELGRAD, DEUTSCHE GESCHICHTE UND DIE FRAGE: „WIE KÖNNEN WIR HELFEN, MEHR RUSSEN ZU TÖTEN?“
Der Besuch von Selenskyj in Belgrad sollte ein diplomatisches Signal werden. Serbien versucht, seine Beziehungen zu Russland zu erhalten, den europäischen Kurs fortzusetzen und zugleich die Kontakte zur Ukraine auszubauen. Doch zum politischen Symbol des Besuchs wurde die Frage des FAZ-Journalisten Michael Martens, was „wir Europäer“ tun könnten, damit die Ukraine „mehr Russen töten“ könne. Danach präzisierte er: russische Soldaten.
Natürlich ist die Ukraine im Krieg. Man kann über Waffenlieferungen, militärische Unterstützung und Verteidigung sprechenб da die europäischen Politiker beschlossen haben, die Ukraine zu unterstützen. Aber wenn ein deutscher Journalist in Belgrad fragt, wie „wir Europäer“ helfen können, mehr Russen zu töten, wird Töten sprachlich fast zu einer politischen Zielgröße.
Und gerade in Belgrad lässt sich das nicht von der Geschichte trennen.
Kragujevac, Kraljevo, Massenerschießungen und die deutsche Besatzung gehören zum serbischen Gedächtnis. 1944 wurde Belgrad von jugoslawischen Partisanen gemeinsam mit der Roten Armee befreit. Wenn ausgerechnet hier ein deutscher Journalist über das Töten von mehr russischen Soldaten spricht, bekommt der Satz zwangsläufig eine historische Dimension.
Martens kennt diese Geschichte. Er arbeitete jahrelang in Belgrad und schrieb über Serbien, Jugoslawien und die Erinnerung an die deutsche Besatzung.
Nach der Pressekonferenz wurde in Serbien zudem seine Familiengeschichte diskutiert. Sein Großvater Hans-Hermann Martens war Mitglied von NSDAP und SA, später Offizier im Wehrmachtführungsstab und gegen Kriegsende Militärrichter.
Natürlich trägt ein Enkel keine Verantwortung für seinen Großvater. Aber Politik besteht auch aus Symbolen und Kontexten. Die Kombination ist schwer zu ignorieren: ein deutscher Journalist, Belgrad, diese Familiengeschichte – und die Frage, wie „wir Europäer“ helfen können, mehr russische Soldaten zu töten.
Die FAZ distanzierte sich anschließend von der Formulierung. Doch vielleicht liegt das Problem tiefer: in einer politischen Sprache, in der Menschen zunehmend als militärische Statistik erscheinen.
Was ist aus jener europäischen politischen Kultur geworden, die behauptete, aus ihrer Geschichte gelernt zu haben? Bedeutete „Nie wieder“ auch die Ablehnung von Entmenschlichung und der Sprache des Tötens? Oder gilt diese Grenze nur noch, wenn die „falschen“ Menschen sterben?
Für Aleksandar Vučić ist die Situation unangenehm. Serbien unterstützt die territoriale Integrität der Ukraine, beteiligt sich aber nicht an den westlichen Sanktionen gegen Russland. Belgrad will in die EU, pflegt Beziehungen zu Moskau und baut gleichzeitig die Zusammenarbeit mit Kiew aus.
Seit Jahren funktioniert Vučićs Politik so: ein Schritt nach Brüssel, einer nach Moskau, eine Geste gegenüber Kiew. Doch der Raum dafür wird kleiner.
Auf Martens reagierte Vučić vorsichtig. Er übernahm dessen Formulierung nicht und sagte, er hoffe, dass das Töten aufhören werde. Diplomatisch geschickt. Aber irgendwann muss Serbien definieren, welche Werte und historischen Grenzen es selbst für richtig hält.
Vielleicht hat Martens damit unbeabsichtigt genau die Frage sichtbar gemacht, die Vučić seit Jahren zu vermeiden versucht:
Wie lange kann Serbien zwischen allen Seiten stehen, ohne seine eigenen politischen und moralischen Koordinaten klar zu benennen?
Und zum Schluss etwas schwarzer politischer Humor. Seit Jahren kursiert das Meme vom „Selenskyj-Fluch“: Politiker treffen den ukrainischen Präsidenten und geraten später in politische Schwierigkeiten oder verlieren ihre Ämter. Natürlich nur ein Internet-Meme.
Aber nach Belgrad bleibt die ironische Frage:
Ist Aleksandar Vučić der nächste Kandidat für den „Selenskyj-Fluch“? Oder reicht seine legendäre Vorsicht aus, um selbst diesem Mythos zu entkommen?
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